Am 23. April wird groß gefeiert: 500 Jahre Reinheitsgebot. Aber gibt es überhaupt einen Grund zum Feiern? Und noch dazu an diesem Datum?

Betrachten wir einmal die Historie. 1516 wurde an besagtem Datum eine Vorschrift durch den Bayerischen Landständetag gebilligt, die Herzog Wilhelm IV. vorgelegt hatte. Größtenteils geht es im Text um die Preisgestaltung der Biere. Ein Absatz in der Mitte des Textes dreht sich um die Zutaten:

„Ganz besonders wollen wir, daß forthin allenthalben in unseren Städten, Märkten und auf dem Lande zu keinem Bier mehr Stücke als allein Gersten, Hopfen und Wasser verwendet und gebraucht werden sollen.“

Kurzer Satz, große Wirkung. Diese Passage wird oft fälschlicherweise als das älteste Lebensmittelgesetz der Welt bezeichnet. Korrekter wäre „ältestes noch gültiges Lebensmittelgesetz der Welt“, aber selbst das stimmt so nicht. Es gibt deutlich ältere Vorschriften ähnlichen Inhalts. Bereits 1447 wurde in München vorgeschrieben, beim Brauen nur Gerste, Wasser und Hopfen zu verwenden. Noch früher, nämlich 1434, wurde in Weißensee (Thüringen) erlassen, dass nur Wasser, Malz und Hopfen zugelassen sind.

In Regensburg wurden 1469 Gerstenmalz, Hopfen und Wasser als alleinige Zutaten verfügt. Hier ist die Unterscheidung von „Malz“ und „Gerstenmalz“ von Bedeutung, denn der Erlass von 1516 ist darin begründet, dass der höherwertige Weizen dem Brotbacken vorbehalten sei. Tatsächlich wurden große Teile der Weizenernte zuvor fürs Brauen verwendet. Man wollte also die Gefahr von hungernden Untertanen ausschließen. Allerdings war es so, dass auch zukünftig mit Weizen gebraut werden durfte. Raffinierterweise werden die „Höfe“ in der Aufzählung nämlich nicht erwähnt. Dafür brauchte es aber eine Genehmigung, und die ließ sich der Herzog natürlich bezahlen. Und schließlich wollte er selbst an seinem Hof das gute Weizenbier trinken. Insofern war die Vorschrift auch ein Selbstbereicherungs-Gesetz.

Zudem kann man sie als erstes Anti-Drogen-Gesetz bezeichnen, denn findige Brauer mischten allerlei kuriose Zutaten ins Bier, um die Rauschwirkung zu verstärken. Alraunenwurzel, Fliegenpilz, Gagel, Stechapfel oder Tollkirsche wanderten in die Kessel. Heidnische Rituale sollten mit der Verordnung also eingeschränkt werden. Es wurde aber auch sonst fröhlich gepanscht, zum Beispiel mit Ochsengalle, Asche, Bilsenkraut, Pech und Ähnlichem. Zur Bitterung, für die Haltbarkeit, oder um zu kaschieren, dass ein Bier sauer war oder aus andere Gründen nicht schmeckte. Dabei war Hopfen als Bitterungs- und Konservierungsmittel schon seit dem achten Jahrhundert bekannt, hatte sich aber nur bedingt und langsam durchgesetzt.

Sind 500 Jahre genug?

Sind 500 Jahre genug?

Eine Regelung zu treffen, war also durchaus sinnvoll, und mit der Vorschrift von 1516 schlug Herzog Wilhelm IV. gleich vier Fliegen mit einer Klappe. Gerste fürs Bier, Scherflein für den Herzog (wenn Weizen verwendet werden sollte), Anti-Drogen- und Anti-Pansch-Regelung.

Letztlich wurde aber nur eine bereits in München bestehende Vorschrift auf ganz Bayern ausgedehnt. Korrekterweise müsste man daher sagen: „Gebraut nach der Bayerischen Landesordnung von 1516“. Interessant in diesem Zusammenhang ist eine Brauordnung, die 1551 in München erlassen wurde. Dort wird nämlich zum ersten Mal die Hefe als Zutat erwähnt. Im gleichen Zuge wurde allerdings auch Koriander als Zutat erlaubt. Und 1616 wurde die Zutatenliste in Bayern unter anderem um Wacholder und Kümmel ergänzt. Es ist also keineswegs eine 500-jährige Kontinuität zu verzeichnen. Die Rückkehr zu den ausschließlichen Zutaten Wasser, Gerstenmalz, Hopfen und Hefe fand in Bayern erst Mitte des 19. Jahrhunderts statt. Andere Länder übernahmen irgendwann die Bayerische Landesordnung, so zum Beispiel Baden 1896. Oder sie erließen eigene Gesetze gleichen Inhalts.

Erst Anfang des 20. Jahrhunderts kam es zu einer einheitlichen Regelung: 1906 wurde für alle Teile des Deutschen Kaiserreiches das Biersteuergesetz erlassen, in dem die Zutaten Wasser, Gerstenmalz, Hopfen und Hefe festgeschrieben waren.

Etwas ist bei all dem jedoch bemerkenswert: Der Begriff „Reinheitsgebot“ tauchte nämlich erstmals 1918 auf. Er ist, wenn man betrachtet, dass er vorgeblich fast 500 Jahre alt ist, doch deutlich jüngerer Natur. Auch hier waren es wieder die Bayern. Die wollten sich als Freistaat nur dann der Weimarer Republik anschließen, wenn das „Reinheitsgebot“ für alle Teile des Reiches Gültigkeit erlange. Des Weiteren erkannte man zur gleichen Zeit, dass man den Begriff zu Marketing-Zwecken verwenden kann, um sich vor der stets größer werdenden Konkurrenz ausländischer Biere abzuheben und zu schützen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde nach wie vor vom „Bayerischen Reinheitsgebot“ gesprochen, auch wenn es allgemeine Gültigkeit hatte. Geregelt waren die vier Zutaten allerdings im Biersteuergesetz von 1952. Jedoch nur für untergärige Sorten. Bei Obergärigen waren schon lange andere Getreidesorten wie Weizen oder Roggen erlaubt, aber auch Zucker und Zuckercouleur.

Das Problem der ins Land importierten Biere wurde im Zuge der zunehmenden Europäisierung immer massiver, so drängte der Deutsche Brauer-Bund auf Regelungen, die Importe von Bieren untersagten, die nicht dem nun so betitelten „Deutschen Reinheitsgebot“ entsprachen.

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Einen schweren Rückschlag gab es 1987, als der Europäische Gerichtshof den Bemühungen einen Strich durch die Rechnung machte. Er entschied, dass das Verbot des Imports von nicht „Reinheitsgebots“-konformen Bieren nicht rechtens sei: Alles, was im Ausland als „Bier“ hergestellt wird, durfte also unter dieser Bezeichnung nach Deutschland gelangen.

Man erkannte, dass man den Begriff zu Marketing-Zwecken verwenden kann,
um sich vor der stets größer werdenden Konkurrenz ausländischer
Biere abzuheben und zu schützen.

Nun wurde vom Deutschen Brauer-Bund massiv mit dem Begriff „Deutsches Reinheitsgebot“ geworben; zudem suggerierte man dem Verbraucher, ausländische Biere wären durchweg „Chemie-Biere“. Was angesichts dessen, was beim Brauprozess hierzulande alles an chemischen Hilfsstoffen zugelassen ist, ziemlich merkwürdig klingt. Jedenfalls hat der Deutsche Brauer-Bund seine Sache gut gemacht, denn noch heute hört man in Gesprächen immer wieder Argumente wie „Belgisches Bier? Bleib mir weg damit. So ein Chemie-Kram kommt mir nicht ins Glas.“ Seit einigen Jahren findet zum Glück ein Umdenken statt, ausgelöst durch viele junge Brauer und ihre spannenden Neukreationen. Und befördert durch wachsendes Interesse der Bevölkerung am Thema Bier. Schließlich würdest Du, lieber Leser, ansonsten dieses Magazin ja nicht gekauft haben.

Fakt ist jedenfalls: Das „Reinheitsgebot“ sagt nur etwas über die Zutaten aus, nichts über deren Qualität. Mit der gewollten Gleichsetzung der Begriffe haben viele ein Problem. Es ist nämlich ohne Weiteres möglich (solange es nicht mit dem Lebensmittelgesetz kollidiert) mit minderwertigen Zutaten zu brauen. Zum Beispiel mit überaltertem Hopfen, der kaum noch Aroma besitzt. Oder mit Malz, das über einen längeren Zeitraum geschrotet gelagert wurde, was zu vermehrter Oxidation und entsprechend schlechterem Geschmack führt.

Fakt ist weiter: Das „Deutsche Reinheitsgebot“ als Begriff taucht erst nach dem Zweiten Weltkrieg auf und ist in erster Linie ein Marketing-Instrument der Brauindustrie.

Fakt ist nämlich letztlich: Hierzulande wird weder nach dem Reinheitsgebot von 1516 gebraut, noch nach dem Deutschen oder Bayerischen Reinheitsgebot. Sondern nach dem „Vorläufigen Biergesetz von 1993“. Dort – und nur dort – ist geregelt, was während des Brauprozesses zulässig ist und was nicht. Das mag jetzt mancher ernüchternd finden, aber so ist es nun mal. Ganz unromantisch und ohne historische Verklärung. Der Begriff „Reinheitsgebot“ wird im Gesetz übrigens kein einziges Mal erwähnt.