Fast 50 Jahre wurde hier kein Bier mehr gebraut. Viel zu lange, befand Lüder Kastens und hauchte dem alten Gebäude neues Leben ein.

Die Waschbecken auf den Toiletten bestehen aus halbierten Bierfässern. Kann man sich in einer Braugaststätte stilvoller die Hände waschen? Es sind solche Details, die zeigen, dass im historischen Gebäude der Union Brauerei die aufwändige Renovierung bis ins Kleinste durchdacht ist. Der Gesellschafter Markus Zeller (ehemals Geschäftsführer von Beck’s) und der Geschäftsführer, Immobilienentwickler und Architekt Lüder Kastens, haben richtig viel Geld in die Hand genommen, um der Brauerei neues Leben einzuhauchen. Ein Blick zurück: Anfang des letzten Jahrhunderts schlossen sich mehrere Brauer zusammen und errichteten im Bremer Stadteil Walle eine gemeinsame Brauerei, die 1907 fertig wurde. Die Haake-Beck AG übernahm 1965 den Betrieb, machte ihn aber drei Jahre später dicht. Seitdem dümpelte das Gebäude vor sich hin, mal waren kleine Firmen darin untergebracht, mal eine Spedition, zeitweise stand der Komplex auch komplett leer. Lüder Kastens bekam den Tipp, sich das Gebäude einmal anzusehen. Er war erstaunt, dass es ihm völlig unbekannt war. „Mir war auch nicht klar, wozu das Gebäude einst diente. Also habe ich vor Ort mal gegoogelt und herausgefunden, dass das ursprünglich eine Brauerei war. In der selben Minute beschloss ich blöderweise, sie wieder auferstehen zu lassen. Ich sage ‚blöderweise‘, weil das unglaublich viel Zeit und Kraft gekostet hat. Ansonsten ist das natürlich ein tolles Projekt, für das es von allen Seiten viel Zuspruch gibt und von dem wir voll und ganz überzeugt sind“, so Kastens. Und weiter: „Was Bier angeht war ich nicht gänzlich unvorbelastet. In dem Haus, wo ich lebe, hat auch der Sänger Klaus Lage eine Wohnung. Und ebenfalls ein ehemaliger Studienkollege von ihm, der in eine Gasthausbrauerei in Soltau involviert ist. Zu Feiern im Haus brachte dieser immer sein Bier mit, das mir sehr gut in Erinnerung geblieben ist und wohl auch mit ein Auslöser für den spontanen Entschluss gewesen ist.“

Das Restaurant: Rustikales Mobiliar und alte Fotos an den Wänden.

Das Restaurant: Rustikales Mobiliar und alte Fotos an den Wänden. (Foto: Boris Georgiev)

Ende 2014 wurde mit dem Umbau begonnen. Rund fünf Millionen Euro soll die Sanierung kosten und bis Mai abgeschlossen sein. Die repräsentative Fassade mit dem Eingang zum Restaurant und zum Sudhaus ist bereits fertig, auf der Rückseite zeugen zahlreiche Gerüste und Schuttberge davon, dass noch viel Arbeit zu tun ist, bis alles in neuem Glanz erstrahlt. Es wurde entkernt, Mauern wurden versetzt, Decken eingezogen. Seit Mitte November wird gebraut, offizielle Eröffnung war kurz vor Weihnachten. Betritt man das Gebäude durch den Haupteingang, so befindet sich links das Restaurant, rechts die Brauerei. Geradeaus gelangt man über ein paar Treppen nach oben in den „Biergarten“. Anführungszeichen, weil er sich innen befindet. Große Oberlichter lassen Tageslicht herein, die Wand neben dem Tresen hat zahlreiche Nischen, in denen Hängepflanzen wachsen, die zukünftig die Wand begrünen sollen. Gegenüber wurde eine alte Schiebetür erhalten und in das Ensemble integriert. Überhaupt begegnet einem die Geschichte des Hauses an vielen Stellen. Seien es die alten Übersicht FlaschenKacheln, die an einigen Wänden des Restaurants erhalten blieben, sei es die Vitrine, in der diverse alte Flaschen und andere Relikte von der Vergangenheit der Brauerei erzählen. Die langen Tische und Bänke des Biergartens sind auffällig. Auf Nachfrage erfahre ich, dass sie aus ehemaligen Gerüstbohlen vom Bau bestehen. Holz mit Geschichte und Charakter. Fast alles, was im Gastro-Bereich an Holz verarbeitet wurde, besteht aus diesem Material. Die Tische im Restaurant, die Hocker im großzügigen Vorraum, die Abstellflächen an den Wänden, selbst die Türen der Toiletten und die Halter für die Speisekarten – die Design-Idee zieht sich wie ein roter Faden durch die Räume. Dass Holz mit Charakter auch seine Tücken hat, merke ich später beim Essen, denn mein Teller wackelt auf der leicht unebenen Fläche. Hinter der Bar ist die Zapfanlage mit 15 Zapfhähnen. Noch sind nicht alle belegt, aber die schiere Anzahl lässt erahnen, welchen Weg man hier gehen, welche Zielgruppe ansprechen will. Mehrere Sorten Camba Bavaria, Maisels Bavaria Ale oder Brewers Tribute Dunkle Vanille sind neben den hauseigenen Sorten an den Hähnen. Über der Zapfanlage befinden sich Tanks, die direkt von den Lagertanks befüllt werden. Auch hier passt die Mischung aus altem und neuem Look wieder. Momentan herrscht Ruhe im Restaurant, denn es macht erst in einer Stunde auf. Dennoch sind ein paar Besucher da: Immer wieder kommen Leute vorbei, um sich umzusehen. „Ich bin gegenüber zur Schule gegangen, als die Brauerei noch in Betrieb war“, sagt ein älterer Herr, der die Fotos von früher betrachtet, die an den Wänden hängen. Abends ist es immer voll, ohne Reservierung geht auch unter der Woche nichts. Es wurde auch genügend berichtet über die Idee, das Gebäude wieder zu einer Brauerei zu machen.

Die Fassade ist bereits fertig.

Die Fassade ist bereits fertig. (Foto: Boris Georgiev)

An einem kalten Januar-Tag bin ich mit Kristof Herr verabredet, einem der Braumeister. Gelernt hat er bei Beck’s, dann in Berlin den Meister gemacht. Anschließend hat er ein Jahr bei Brewdog gearbeitet, eine Erfahrung, die ihn sehr geprägt hat. Und jetzt, mit nur 27 Jahren, ist er Teil dieses Projekts. Seine Kollegin, die Braumeisterin Doreen Gaumann, ist erst 24. Sie hatte ebenfalls bei Beck’s gelernt, machte dann ihren Meister bei ­Doemens und wurde quasi von dort direkt wegengagiert.

Geschäftsführer und Gesellschafter reden den beiden nur wenig rein, so dass sie mehr oder weniger freie Hand haben, was ihre Kreationen angeht. In dem Alter sozusagen eine eigene Brauerei, das klingt nach einem Traumjob. „Ist es auch“, sagt Kristof, „allerdings momentan auch sehr anstrengend und bisweilen chaotisch. Es dauert halt, bis sich alle Abläufe eingespielt haben. Nach der Eröffnung hatten wir einen riesigen Andrang, das kann man sich gar nicht vorstellen.“ Zwei der sechs Biersorten sind derzeit ausverkauft. Nachgebraut werden kann nicht, weil alle Lagertanks voll sind. Auch hier das übliche Problem: Zu wenig Lagervolumen. Platz wäre noch für vier weitere Tanks.

Wir starten den Rundgang durch die Brauerei. Die große Glasfront gibt den Blick frei auf den Raum, in dem sich Sudhaus und, spannende Kombination, der Store befinden. Die 20-Hektoliter-Anlage ist als Zwei-Geräte-Sudhaus angelegt. Ungewöhnlich, aber laut Kristof ausreichend. Ursprünglich war die Anlage deutlich größer, 200 Hektoliter schätzungweise. Doreen ist grade dabei, Maischebottich/Würzepfanne zu reinigen. Mit einer Edelstahlbürste an einem gefühlt drei Meter langen Stiel wird vorgereinigt, anschließend mit Lauge gespült. Die Anlage wird mit Wasserdampf beheizt und steht repräsentativ auf einem Podest mit breiter Treppe. Wir gehen in die oberen Stockwerke. Hinter den Kulissen ist sofort der Charme der Vergangenheit zu spüren. Alte Treppen, alte Türen, Backsteinwände, schummerige Beleuchtung. Kristof hält an und deutet auf eine Mauer. „Hier war ursprünglich eine kleine Tür, dahinter befand sich die Wohnung des Braumeisters. So konnte er immer auf kurzem Weg in die Brauei gelangen.“ Dass der Brauer früher vor Ort gewohnt hat, war nicht ungewöhnlich. Auch daran wird angeknüpft, in einigen Monaten wird Kristof hier eine Wohnung beziehen. Überhaupt ist das Konzept des Areals eine Mischnutzung. Nicht nur reine Brauerei, es werden im Gebäude drei Wohnungen entstehen für die Brauer und einen Hausmeister, des weiteren entstehen Büroflächen von 500 und 200 Quadratmetern, auch eine Tanzschule soll ins Hauptgebäude einziehen. Ein Teil des Geländes wurde verkauft, dort wird ein Mehrfamilienhaus mit elf Wohnungen gebaut, entlang der Straße wird es elf Reihenhäuser geben.

Dieser Artikel erschien zuerst in Ausgabe #1 von craftbeer. Diese und weitere Ausgaben bekommst du unter in unserem Shop.

Dieser Artikel erschien zuerst in Ausgabe #1 von craftbeer. Diese und weitere Ausgaben bekommst du als Print-Heft und PDF in unserem Shop.

Die Remise, ein langgestrecktes Gebäude mit acht Toren, in denen sich früher wohl Kutschen und Pferde, später der Fuhrpark befanden, ist noch im Originalzustand. Im Obergeschoss wohnten einst die Kutscher, auch ein Aufzug für den Heuboden ist noch sichtbar. Längerfristig wird auch dieses Gebäude renoviert werden. Einen Teil will die Brauerei als Lagerfläche nutzen, im Rest sollen Studentenwohnungen entstehen. Es wird zukünftig also viel Leben auf dem großen Gelände geben.

Im zweiten Stock der Brauerei befindet sich das Malzlager. Zahlreiche Sorten lagern auf diversen Paletten. An der Decke hängt an einer Laufschiene der Kran. Sechs Säcke kann die Trage aufnehmen. Muskelschmalz ist hier angesagt. Das Malz wird im Erdgeschoss durch eine Seitentür angeliefert, dann auf die Trage gelegt und vom Kran nach oben befördert. Im Schneckentempo, wie Kristof mir versichert. Dann wieder Muskelschmalz, um die Säcke auf die Paletten zu stapeln. In der Mitte des Malzlagers befindet sich ebenerdig der Trichter der Mühle. Immerhin das Befüllen ist also bequem zu erledigen. Wir gehen eine Etage tiefer zur Mühle. Über eine Schnecke wird das gemahlene Schrot direkt in den Maische-/Würzebottich befördert. „Man könnte natürlich noch einiges mehr automatisieren, beispielsweise die Hopfengaben, aber so geht es auch erstmal“, sagt Kristof. Hopfengabe bedeutet also Deckel öffnen, Pellets rein, Deckel schließen. Zum richtigen Zeitpunkt muss daher einer der Brauer vor Ort sein.

15 Sorten gibt es vom Fass

15 Sorten gibt es vom Fass. (Foto: Boris Georgiev)

Nach dem Ende des Hopfenkochens wird in einen Whirlpool umgepumpt, anschließend geht es zur Kühlung durch einen Plattenwärmetauscher und weiter in einen der Gär- und Lagertanks. Dort wird die Hefe zugegeben. Doreen erklärt es mir: „Wir arbeiten mit Trockenhefe. Je nach Vitalität und Anzahl der Läufe wird der Hefestamm dann mehrmals wieder verwendet, bis neu angesetzt wird.“

Vier der 40-Hektoliter-Gär- und Lagertanks sind Bestandteil des architektonischen Gesamtkonzepts. Sie stehen neben dem Biergarten hinter einer durchgängigen Glasfront. Durch die blaue Beleuchtung wirken sie wie Teile eines Raumschiffes. Insgesamt stehen sieben Tanks mit 40 Hektolitern und drei mit 20 Hektolitern zur Verfügung. Anvisiert ist eine Produktion von 5000 Hektolitern pro Jahr.

Als nächstes sehen wir uns Lager und Abfüllanlage an. Man merkt: Vieles ist noch provisorisch. Statt Türen trennen Pastikplanen die Räume, an vielen Ecken sieht es noch nach Baustelle aus, aber die Abläufe funktionieren. Besonders die Abfüllanlage sei hervorragend, erläutert Kristof. Er erklärt, wie etikettiert wird. Hier wird Kleber aufgestempelt, dort kommen die Etiketten drauf, und die Bürsten streichen sie dann glatt.

Auf zum nächsten Besichtigungspunkt: Raus aus dem Gebäude, ein Stück weiter wieder rein, dann mit dem Lastenfahrstuhl nach oben.

Indoor-Biergarten mit langen Tischen.

Indoor-Biergarten mit langen Tischen. (Foto: Boris Georgiev)

Tempo: Ähnlich dem des Krans. Im vierten Stock öffnet Kristof eine Tür, und ich blicke in einen riesigen Saal. Komplett renoviert, mit wunderschönem Parkettboden. Über uns ist das Dachgebälk zu erkennen, darunter schweben wie Ufos zwei Dutzend Lampen, die den Saal hell erleuchten oder, heruntergedimmt, in eine heimelige Atmosphäre tauchen. Hier kann man locker mit 100 bis 150 Leuten feiern. Hochzeiten, Firmenfeiern, Abiball – für einen Raum dieser Größe gibt es zahlreiche Verwendungszwecke. Lüder Kastens möchte ihn gerne dauerhaft vermieten, es gibt auch schon Interessenten wie Theater. Für bestimmte Veranstaltungen soll er aber dennoch selbst genutzt werden können. Früher standen hier übrigens riesige Kühlschiffe. Große Fläche, wenig Höhe, um die Oberfläche größtmöglich zu halten. Durch Luken im Dach konnte der Dampf entweichen.

Man merkt, dass sich Kristof auf das Nächste besonders freut. Mehrmals erwähnte er während der Führung schon „ganz oben“. Da geht es jetzt hin. Erst über Treppen, dann über eine Leiter – irgendwann in der Vergangenheit ist ein Teil der Treppe beseitigt worden. Aber im Zuge der Renovierungsarbeiten wird wohl auch dieses Provisorium beseitigt werden. Gar nicht so einfach, mit Stativ und Kamera in der einen Hand die 20 Sprossen hochzusteigen. Oben führt eine schmale Treppe weiter, dann eine steile Stiege. Und nach Öffnen einer großen Metallluke stehen wir auf dem Dach. Eine Plattform gibt es hier, vielleicht acht Quadratmeter groß und von einem Geländer umgeben. Die Aussicht über Bremen ist phantastisch. Nur ein Mietshaus in der Ferne sowie der Fernseh- und der Kirchturm sind noch höher. Früher war das sicherlich der zweithöchste Punkt der Stadt. Genau weiß keiner, warum es die Plattform gibt. In der Mitte steht ein metallenes Relikt. Vielleicht war dort eine Drehreklame angebracht, zu deren Wartung man hochkommen musste. Vielleicht haben die Brauer sich auch einfach diesen Platz gegönnt, um die Aussicht zu genießen. Kristof erzählt: „Silvester hier oben, das war der Hammer. Wir standen mitten im Feuerwerk.“

Die Braumeister Doreen und Kristof im Malzlager

Die Braumeister Doreen und Kristof im Malzlager. (Foto: Boris Georgiev)

Schließlich sind wir wieder Im Biergarten angelangt. Jana, Kristofs Freundin, gesellt sich mit einem provisorischen Abendessen zu uns. Sie ist zwar nicht in der Brauerei angestellt, erledigt aber dennoch einiges an Aufgaben an ihrem MacBook. Als gelernte Grafikerin zeichnet sie verantwortlich für die repräsentativen Schautafeln, die zum Beispiel den Brauprozess erklären oder übergroß im Vorraum die Biersorten anschaulich zu Gruppen zusammenfassen.

Ufos gelandet? Die Gär- und ­Lagertanks sind schick beleuchtet, auch mal in anderen Farben.

Ufos gelandet? Die Gär- und ­Lagertanks sind schick beleuchtet, auch mal in anderen Farben. (Foto: Boris Georgiev)

Ich spreche Kristof noch mal auf die zahlreichen Besucher an. „Viele Ältere kennen die Brauerei noch von Früher. Da kommen immer mal welche vorbei, die erzählen, dass sie hier früher gearbeitet haben. Das ist für uns natürlich spannend. Geschichtsunterricht live, sozusagen. Neulich war einer hier, der sagte, er hat noch ein altes Rezept.“ Kristofs Augen leuchten vor Begeisterung. „Das wollen wir auf jeden Fall einbrauen. Ist doch toll, sowas.“

Anschließend esse ich im Restaurant noch ein Wiener Schnitzel mit Kartoffel-Gurken-Salat. Dazu gibt es Apfelschorle, schließlich muss ich noch fahren. Aber Kristof drückt mir zum Abschied noch eine „Bremer Craft Probe“ in die Hand, ein Viererträger mit Kellerpils, Pale Ale, Porter und Hanseat 2.0, sowie ein paar weitere Flaschen.

Im Mai soll auch die 200-Liter-Versuchsanlage fertig sein. Dann komme ich noch mal wieder, um mir die Baufortschritte anzusehen und vor allem: Um mit Kristof und Doreen ein leckeres Bier zu brauen.

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