Alkoholfreies Bier gehört heute ganz selbstverständlich zum Bierangebot. Pils, Helles, Weizen oder sogar hopfenbetonte Craftbeer-Varianten gibt es inzwischen ohne oder mit sehr wenig Alkohol. Doch die Geschichte dahinter reicht viel weiter zurück, als man vermuten würde. Schon vor mehr als hundert Jahren versuchten Brauereien, ein Getränk herzustellen, das nach Bier schmeckt, aber möglichst wenig Alkohol enthält.
Dabei gab es nicht den einen Erfinder des alkoholfreien Biers. Vielmehr war es eine lange Reihe von Versuchen, technischen Entwicklungen und neuen Rezepturen. Manche Produkte verschwanden schnell wieder, andere legten den Grundstein für das alkoholfreie Bier, wie wir es heute kennen.
Alkoholfreies Craftbier im Trend: Vom Ersatzprodukt zur eigenen Bierkategorie
Die ersten Versuche mit alkoholfreiem Bier
Einer der frühen Vorläufer entstand bereits 1908 in der Schweiz. Die Brauerei Haldengut in Winterthur stellte ein Getränk aus Malz und Hopfen her, das als Alternative zu alkoholischem Bier gedacht war. Es trug den Namen Perplex.
Der Erfolg blieb allerdings begrenzt. Das Getränk konnte sich auf dem Markt nicht dauerhaft durchsetzen und verschwand wieder. Die grundsätzliche Idee war damit aber keineswegs erledigt.
Denn die entscheidende Frage blieb bestehen: Wie lässt sich ein Getränk brauen, das die Eigenschaften von Bier besitzt, ohne den Alkoholgehalt eines normalen Bieres zu erreichen?
Malto aus den Niederlanden
Auch in den Niederlanden wurde früh an einer solchen Alternative gearbeitet. 1918 brachte eine Brauerei aus Amersfoort das Getränk Malto auf den Markt.
Malto wurde als alkoholfreie Alternative beworben. Allerdings konnte durch die weitere Gärung noch eine geringe Menge Alkohol entstehen. Auch dieses Produkt konnte sich langfristig nicht gegen das klassische Bier durchsetzen.
Trotzdem zeigen Perplex und Malto, dass die Suche nach einer Alternative zum alkoholischen Bier bereits lange vor den heutigen 0,0-Produkten begonnen hatte.
Alkoholfreies Bier: 0,0 % oder 0,5 % Alkohol
Die Prohibition und das „Near Beer“
Einen besonderen Schub bekam die Entwicklung in den USA. Mit der Prohibition wurde dort ab 1920 die Herstellung und der Verkauf alkoholischer Getränke stark eingeschränkt.
Für die Brauereien war das ein enormes Problem. Viele Betriebe mussten nach Möglichkeiten suchen, weiterhin Produkte anzubieten. So entstanden Getränke, die Bier ähnelten, aber nur sehr wenig Alkohol enthielten.
In den USA setzte sich dafür der Begriff „Near Beer“ durch – also gewissermaßen „fast Bier“.
Die Bezeichnung zeigt bereits, welches Problem solche Getränke hatten. Sie sollten Bier möglichst ähnlich sein, waren aber letztlich kein vollwertiger Ersatz für das Original.
Mit dem Ende der Prohibition im Jahr 1933 änderte sich die Situation wieder. Alkoholisches Bier durfte erneut hergestellt und verkauft werden. Die Nachfrage nach den Ersatzprodukten ging zurück.
Die Idee eines Bieres mit sehr wenig Alkohol war damit jedoch nicht verschwunden.
Neue Verfahren bringen Bewegung in die Entwicklung
In Europa wurde weiter experimentiert. In der Schweiz entstand in den 1930er-Jahren ein weiteres alkoholfreies beziehungsweise alkoholarmes Bier unter dem Namen Ex-Bier.
Auch dieser Versuch blieb zunächst eine Episode. Erst Jahrzehnte später gelang ein wichtiger Fortschritt.
Bei der Zürcher Brauerei Hürlimann wurde intensiv daran gearbeitet, den Alkoholgehalt eines Bieres niedrig zu halten. Mitte der 1960er-Jahre kam schließlich ein entsprechendes Produkt unter dem Namen Oro auf den Markt. Später wurde daraus Birell.
Eine wichtige Rolle spielte dabei eine spezielle Hefe. Sie vergärt bestimmte Bestandteile der Würze nur eingeschränkt. Dadurch entsteht von vornherein weniger Alkohol.
Das war ein wichtiger Schritt in der Entwicklung. Denn die Brauer mussten nicht mehr ausschließlich versuchen, den Alkohol nachträglich aus einem fertigen Bier zu entfernen. Sie konnten bereits den Brauprozess beeinflussen.
Aubi – das Bier für Autofahrer
Besonders bekannt wurde in Deutschland später Aubi.
Der Braumeister Ulrich Wappler entwickelte Anfang der 1970er-Jahre in der DDR ein alkoholfreies beziehungsweise alkoholarmes Bier. 1972 wurde Aubi erstmals vorgestellt.
Der Name war Programm: Aubi stand für Autofahrerbier.
Der Zusammenhang mit dem Straßenverkehr war damals besonders wichtig. Wer Auto fuhr, musste auf seinen Alkoholkonsum achten. Ein Bier, das möglichst wenig Alkohol enthielt, schien deshalb eine naheliegende Alternative zu sein.
Allerdings war Aubi nicht von Anfang an das fertige Erfolgsprodukt, das man sich erhofft hatte. An Rezeptur und Geschmack wurde weiter gearbeitet.
Das ist ein schönes Beispiel dafür, wie schwierig die Entwicklung tatsächlich war. Ein Bier einfach alkoholfrei zu machen, war die eine Sache. Es sollte anschließend aber auch noch wie Bier schmecken.
Aubi wurde später weiterentwickelt und unter anderem unter anderen Namen im Ausland angeboten.
Der Durchbruch mit Clausthaler
Auch in Westdeutschland experimentierten in den 1970er-Jahren mehrere Brauereien mit alkoholfreien Produkten.
Ein wichtiger Schritt folgte 1979, als Clausthaler sein alkoholfreies Bier auf den Markt brachte.
Damit begann eine neue Phase. Alkoholfreies Bier wurde zunehmend zu einem Produkt, das sich auch außerhalb einer kleinen Nische etablieren konnte.
Die Vermarktung spielte dabei eine wichtige Rolle. Alkoholfreies Bier sollte nicht länger ausschließlich als Notlösung für Autofahrer wahrgenommen werden. Es sollte ein Getränk sein, das man bewusst auswählt.
Damit veränderte sich langsam auch das Image.
Vom Verzicht zum eigenen Bier
Lange Zeit haftete alkoholfreiem Bier der Ruf an, lediglich ein Ersatz für „richtiges“ Bier zu sein.
Heute sieht die Situation anders aus.
Alkoholfreies Bier wird aus ganz unterschiedlichen Gründen getrunken. Manche möchten beim Essen auf Alkohol verzichten, andere trinken nach dem Sport lieber eine alkoholfreie Variante. Auch im Alltag oder bei Veranstaltungen spielt der Alkoholgehalt nicht mehr für jeden die entscheidende Rolle.
Gleichzeitig haben sich die Möglichkeiten der Brauereien weiterentwickelt.
Heute geht es nicht mehr nur darum, möglichst viel Alkohol aus einem Bier herauszubekommen. Geschmack, Hopfenaromen, Malz, Bittere und Mundgefühl spielen eine immer größere Rolle.
Gerade im Craftbeer-Bereich ist diese Entwicklung interessant. Hopfenbetonte alkoholfreie Biere zeigen, dass ein niedriger Alkoholgehalt nicht automatisch bedeutet, dass ein Bier geschmacklich langweilig sein muss. Alkoholfreies Craftbeer: Herstellung, Geschmack und Kalorien
Mehr als hundert Jahre Entwicklung
Die Geschichte des alkoholfreien Biers ist deshalb keine Geschichte einer einzigen Erfindung.
1908 entstand mit Perplex einer der frühen Vorläufer. 1918 folgte Malto in den Niederlanden. Während der amerikanischen Prohibition kamen die sogenannten Near Beers hinzu. In der Schweiz wurden weitere Verfahren entwickelt, bevor in der DDR mit Aubi ein alkoholfreies Bier entstand, das speziell Autofahrer ansprechen sollte.
Mit Clausthaler gelang schließlich ein Produkt, das den Markt nachhaltig beeinflusste.
Danach ging die Entwicklung weiter. Die Brautechnik wurde präziser und die Ansprüche der Verbraucher stiegen. Aus dem Bier für Autofahrer wurde nach und nach ein eigenständiges Produkt.
Und genau darin liegt vielleicht die interessanteste Seite dieser Geschichte: Alkoholfreies Bier wurde nicht an einem bestimmten Tag erfunden. Es musste sich über mehr als hundert Jahre entwickeln.
Was heute selbstverständlich im Bierregal steht, war für Generationen von Brauern eine ziemlich knifflige Aufgabe.
